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Artenschutz im Kreis Böblingen

Rettungseinsatz im Bachbett: Wie der Steinkrebs im Schönbuch überleben soll

Der Steinkrebs im Schönbuch ist bedroht. Schutzmaßnahmen laufen, doch neue Gefahren bleiben.
Von Henrik Claasen
Seltene Art unter Druck: Der heimische Steinkrebs kämpft im Schönbuch ums Überleben.

Seltene Art unter Druck: Der heimische Steinkrebs kämpft im Schönbuch ums Überleben.

Bild: Landratsamt Böblingen

Böblingen. Der Schönbuch gilt als Naturpark in seiner Artenvielfalt als einzigartig, doch in seinen Bachläufen spielt sich ein lautloser Überlebenskampf ab. Der heimische Steinkrebs ist im Landkreis Böblingen die letzte verbliebene Flusskrebsart, die bekanntermaßen noch vorkommt, und steht massiv unter Druck.

Um die Bestände in den verbliebenen ungestörten Abschnitten des Schaich- und Goldersbachsystems zu sichern, setzen Naturschützer auf technische Barrieren. Diese sogenannten Krebssperren aus Beton oder Edelstahl sind als künstliche Abstürze so konstruiert, dass eingewanderte Flusskrebsarten wie der Signalkrebs keinen Halt finden und nicht gewässeraufwärts wandern können.

Während die heimischen Steinkrebse oberhalb dieser Sperren geschützt bleiben, wird durch Fachleute und Akteure vor Ort gleichzeitig sichergestellt, dass die Bachsysteme für Fische weiterhin durchgängig bleiben.

Sperren gegen die Krebspest

Der Grund für diese strikte Trennung der Lebensräume ist der Schutz vor der sogenannten Krebspest. Diese für heimische Arten tödliche Krankheit wird von den eingeschleppten, nichtheimischen Krebsarten übertragen, die selbst gegen den Erreger immun sind.

Martin Wuttke, Dezernent für Umwelt und Klima im Landratsamt Böblingen, betont die Bedeutung der finanziellen Unterstützung durch die Stiftung Naturschutzfonds, mit der in den kommenden Jahren weitere Sperren landschaftsschonend an bestehende Brückenbauwerke angedockt werden können. Dutzende Akteure aus Naturschutz- und Wasserbehörden arbeiten hierbei bereits seit dem Jahr 2020 im FFH- und Vogelschutzgebiet Schönbuch kreisübergreifend zusammen, um das ökologische Gleichgewicht in den Gewässern zu bewahren.

Die Grundlage für diese Maßnahmen bildete eine umfangreiche Untersuchung im Jahr 2021, bei der rund 170 Kilometer Gewässerstrecke im und angrenzend an den Schönbuch genau unter die Lupe genommen wurden. Dabei entdeckten die Experten zwar wertvolle Steinkrebspopulationen, jedoch auch die Ausbreitung der invasiven Signalkrebse. Diese bilden große Populationen und schädigen das Ökosystem zusätzlich, da sie Amphibienlaich sowie Kaulquappen fressen. Trotz dieser wissenschaftlichen Begleitung gab es zuletzt einen schweren Rückschlag.

Projektkoordinator Ralf Wegerer berichtet von einer neu entdeckten Population von Signalkrebsen, die offenbar isoliert und vorsätzlich im Gewässersystem ausgesetzt wurde. Da die invasiven Tiere dort nicht mehr entfernt werden können, müssen die geplanten Sperren nun aufwendig umgeplant werden. Für die Steinkrebse, die nun zwischen der alten und der neuen Signalkrebspopulation festsitzen, kommt jede Hilfe zu spät. Dieser Vorfall zeigt drastisch, wie verwundbar das Ökosystem ist, in dem bis vor Kurzem noch schätzungsweise 10 000 Steinkrebse lebten.

Appell an Spaziergänger und Kommunen

Der Erfolg der Schutzmaßnahmen liegt nun auch in der Verantwortung der Öffentlichkeit. Die Experten richten daher einen dringenden Appell an alle Spaziergänger und Hundebesitzer, niemals Krebse zu berühren, umzusetzen oder gar Tiere aus privaten Aquarien auszuwildern.

Zudem sollten Menschen und Hunde die Bäche nach Möglichkeit gar nicht erst betreten, da die gefährlichen Krankheitserreger bereits über nasses Fell oder feuchte Stiefelsohlen unbemerkt von einem Gewässer zum anderen verschleppt werden können.

Neben dem privaten Engagement gibt es auch für die öffentliche Hand Anreize zum Handeln. Der Bau von Krebssperren kann über verschiedene Landesprogramme gefördert werden, wobei Kommunen durch solche Maßnahmen zudem wertvolle Ökopunkte generieren können.

Interessierte Gemeinden können sich hierzu direkt an die jeweiligen Landratsämter wenden, um einen Beitrag zum Erhalt dieses seltenen Flusskrebses und zu einem gesunden Gewässerökosystem zu leisten.